Glück

veröffentlich am: 06.02.2012

Mein Name ist Reads. Jim Reads. Na ja, eigentlich James Isaac Reads. Ich arbeite als Professor für Geologie und Geschichte an der Universität London und habe in meinen 35 Jahren, die ich schon auf dieser Erde wandele, bereits eine Menge erlebt. Auf zahlreichen Expeditionen und Forschungsreisen habe ich die Weiten die Welt kennengelernt – und eine Menge interessanter Leute getroffen. Viele dieser Begegnungen und Erlebnisse auf meinen Reisen haben mich ins Grübeln gebracht: manchmal banale Fragen, aber auch tiefgreifende Probleme. Aus diesem Grund habe ich diesen Blog begonnen, um mit anderen darüber zu diskutieren.

Eine solche Situation ist mir zum Beispiel erst heute Morgen auf meinem Weg zum Hörsaal passiert. Eine Situation, die wahrscheinlich viele schon selbst erlebt haben. Eine viel befahrene Kreuzung mit einer roten Ampel und einer langen Schlange Autos davor und vor mir. Man weiß bei diesem Anblick sofort, dass sich alle nachfolgenden Sendungen um 15-30 Minuten verschieben, da diese spezielle Ampel extra zum Ärger der Fahrer so geschaltet ist, das immer nur vier Wagen pro Grünphase passieren dürfen.

Während nun vor und hinter mir die Zornesröte der gestressten Fahrzeugführer langsam ins karmesinrote überging, ging ich in Gedanken noch einmal meinen Vortrag durch, den ich später an der Universität halten wollte. Ein Bericht über meine letzte Reise nach Bhutan. Für alle die bei Bhutan nun an Feuerzeuggas denken sei gesagt, dass Bhutan ein kleines asiatisches Königreich ist, welches im Himalaya zwischen China und Indien eingeklemmt ist. Die meisten Menschen dort leben in sehr einfachen Verhältnissen und vor allem häufig fernab der „Segnungen der Zivilisation“. So ist zum Beispiel erst im Jahre 1999 das Fernsehen in Bhutan als letztem Staat der Welt eingeführt worden. Ein Hauptvorteil von Bhutan ist aber – um wieder auf meine Situation vor der sich im Schneckentempo nähernden Ampel zurückzukommen- der, dass es in Bhutan keine Ampeln gibt! Es ist nicht so, dass es dort keine Kraftfahrzeuge oder Kreuzzungen gäbe. Es wurde sogar einmal eine Ampel aufgestellt, die wurde aber bald darauf wieder abgebaut. Ich habe während meines Aufenthalts dort mit meinem einheimischen Führer darüber gesprochen, und er hat mir erklärt, das hätte man deshalb gemacht, weil sich die Menschen vor einer roten Ampel unglücklich fühlten. Auf die Nachfrage wie das denn mit der Ampel zusammenhänge, erklärte er mir, dass in Bhutan das Glück der Bevölkerung als höchstes Ziel in der Verfassung festgelegt würde. Es gibt dort sogar ein eigenes Ministerium für Glück und ein Bruttosozialglück.

Rückblickend muss ich den Bhutanern zustimmen. Ich fühle mich auch vor einer roten Ampel unglücklich. Und während ich mir so im Rückspiegel das Gesicht meines Hintermanns betrachte, dass mit dem Rot der Ampel wetteifert, frage ich mich ob wir uns nicht mehr um unser persönliches Glück kümmern sollten. Verlieren wir in unserem Alltagstrott nicht doch manchmal die wesentlichen Dinge aus den Augen. Der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche hat einst über meine Landsleute gesagt: „Der Mensch strebt nicht nach Glück, nur der Engländer tut das.“ Aber ich denke trotzdem: eine Ampel weniger könnte nicht schaden…oder?

 


Kommentar schreiben

Kommentar


Kommentare